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Dienstag, 1. Mai 2012

Wieder.

Da saß sie nun mit der Gitarre in der Hand auf ihrem Bett und starrte die Wand an. Im Raum war es muksmäuschen still. Ihre Finger fanden automatisch die richtigen Akkorde und glitten sanft über die Saiten, doch ihre rechte Hand hatte verlernt die Saiten anzuschlagen. Von C nach B, wieder zurück nach C. Zum e und das Ganze wieder von vorn. Unauslöschlich hatten sich die Akkorde in ihren Kopf eingebrannt. Aber noch immer war kein Ton zu hören. Sie spielte nun zum 19. mal das Intro, die erste Strophe, den Refrain, die zweite Strophe, den Refrain. Bei der Bridge stoppten ihre Finger. Die wollten sie heute lernen. Der Refrain, das Outro. Zum 20. Mal das Intro. Ihre Finger waren rissig geworden. Einer blutete. Ganz leicht nur. Doch er verschmutzte die Saiten, machte sie nicht griffig genug. Sie rutschte ab. Schon wieder. Aber aufhören zu spielen war unmöglich. Denn Aufhören bedeutet Aufgeben. Mit ihrem Ärmel wischte sie die Saiten trocken und setzte wieder an. Intro, erste Strophe, Refrain, zweite Strophe. Sie seufzte. Refrain, Outro.
Plötzlich brummte ihr Handy. Fast hönisch zerriss es mit den Tönen, die die ganze Zeit unsichtbar im Raum gehangen hatten, die Stille. "Hey du, ich schaffe es heute nicht mehr. Ist wieder was dazwischen gekommen. Ich hoffe du bist nicht allzu sauer. Sehen wir uns morgen? :)" Sie ließ das Handy sinken. "Wieder". Und immer die selbe Frage. Wieder die selbe Frage. Nein sie war nicht sauer. Sie war wütend. Scheiße wütend. Sie war kurz davor zu explodieren. Sie war enttäuscht. Schrecklich enttäuscht. Sie war böse. Sie war sterbensunglücklich. Sie war zum heulen traurig. Aber sauer, das war sie nie. Jedesmal nicht.
Und während sie sich aus ihren neuen Klamotten schälte und die zuvor ordentlich gemachten Haare wieder zu dem üblichen Dutt zusammenfasste tippte sie: "Quatsch bin ich nie. Sicher sehen wir uns morgen ;)" Wieder war es schwer unter Tränen die richtigen Tasten zu treffen.

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Der zweite Teil meiner "Aufhören bedeutet Aufgeben" Serie. Wie gefällt's euch?
Alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und realen Handlungen sind rein zufällig ;)

2 Kommentare:

  1. Gefällt mir wie immer sehr gut♥

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  2. Mir gefällt irgendwie die vorstellung, dass sie sich extra hübsch gemacht hat und dann - alles für die Katz. Irgendwie kennt man das doch, man macht sich hübsch legt sich die besten klamotten raus, hofft dass das make up so lange wie möglich gut sitzt und dass die kleidung keine bösen falten wirft, und wenn dann so was passiert... :) sehr traurig aber irgendwie schön ♥

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